Himmelsbestattung – fester Bestandteil fernöstlicher Bestattungskultur

06.04.2018 16:24
Können Sie sich vorstellen, nach Ihrem Tod wieder Teil der Natur zu werden, indem Sie sich von Aasgeiern fressen lassen? Sie finden diese Vorstellung abwegig? In einigen Regionen Zentralasiens ist die Himmelsbestattung mit Bartgeiern durchaus üblich.

„Es ist noch früh am Morgen – noch vor Sonnenaufgang. Die ‚Ragyapas‘ oder auch ‚Domden‘ genannten tibetischen Bestatter enthüllen die in traditionelle weiße Tücher gekleidete, für den Transport sorgsam zusammengeschnürte Leiche. Der deutlich blau verfärbte Körper wird bäuchlings auf einen großen flachen Stein oder auf eine mit Kieseln aufgeschüttete Fläche gelegt. In einem kleinen Ofen werden Wachholderzweige entzündet. Rauch steigt auf.

Mit einem Messer wird dem Leichnam ein religiöses (Glücks-) Symbol in die Haut geritzt. Gebete werden gemurmelt. Immer und immer wieder. Weitere Schnitte folgen. Plötzlich scheint die Luft zu vibrieren. Angelockt durch die Rauchschwaden und den Geruch des Fleisches erscheinen einige Duzend krächzende Bartgeier am Horizont. Der Himmel des durch Gebetsfahnen abgetrennten Areals verdunkelt sich. Mit imposanten Flügelschlägen gleiten die Tiere langsam in Richtung Boden und lassen sich in gebührendem Abstand nieder.

Konzentriert und mit geübten Bewegungen befreien die tibetischen Bestatter unterdessen den Leichnam von all seinen Weichteilen. Sobald Fleisch und Knochen – soweit möglich – in Stücke zerteilt sind, wird alles den bereits wartenden Geiern überlassen.

Nach einer Weile weichen die ersten Aasfresser von der sakralen Stätte. Lediglich der Schädel des Verstorbenen und das grobe Gerüst der restlichen Wirbelsäule werden sichtbar. Die Männer gehen daraufhin zum zweiten Teil der Bestattungszeremonie über: Sie zerschlagen und zerstoßen die übrig geblieben Knochen mit einem stumpfen Hammer. Traditionell verwendetes Tsampa – geröstetes Getreidemehl – wird mit den Knochenresten vermischt und hinterlässt eine feine Nebelwolke in der Luft. Es folgt die zweite Einladung an die Gruppe der verblieben und noch nicht satt von dannen geflogenen Geier. Was bleibt, ist der vom weißen Tsampa benetzte Boden.“

Bartgeier als „Transporteure“ der menschlichen Seele

So oder so ähnlich könnte ein Erfahrungsbericht über eine traditionelle tibetische Himmelbestattung aussehen. Diese teilweise auch als Luftbestattung bezeichnete Art der Bestattung mag auf den einen oder anderen westlich geprägten Leser wohl mehr als befremdlich wirken. Oder gar wie ein barbarischer Akt. Wieder andere sehen darin möglicherweise eine elegante Form nach dem Ableben in den natürlichen Kreislauf des Lebens zurückzukehren – ohne Spuren zu hinterlassen.

Nicht nur im tibetischen Kulturraum, sondern auch in einigen anderen Ländern Zentralasiens sind Himmelsbestattungen seit jeher fester Bestandteil der Bestattungskultur. So insbesondere im Verbreitungsgebiet der Parsen Indiens und Pakistans oder auch in Teilen des mongolischen Steppengebiets.

Für die Parsen, die der Lehre des Zoroastrismus folgen, sind die vier Elemente Erde, Feuer, Wasser und Luft heilig und dürfen nicht mit den als unrein geltenden menschlichen Leichnamen „beschmutzt“ werden. Damit verbieten sich alle in Europa geläufigen Bestattungsformen. Stattdessen gibt diese ethnisch-religiöse Gruppe ihre Toten „in die Obhut“ der heimischen Bartgeier.

Bei den verschiedenen Steppenvölkern der Mongolei entspringt die Himmelsbestattung sehr alten schamanistischen Bräuchen. Allerdings wird hier der Leichnam üblicherweise nicht zerteilt, sondern „im Ganzen“ der Natur überlassen. Damit übernehmen nicht nur die Aasgeier, sondern auch andere Wildtiere wie Wölfe einen Teil der Bestattung.

Die im Erfahrungsbericht beschriebenen, buddhistisch geprägten Tibeter verehren ihre Geier – ihre „Dakinis“ – hingegen wie Engelswesen. Durch das Vertilgen des Körpers des Verstorbenen wird dessen Seele gewissermaßen in den Himmel getragen und damit auch der Eintritt in den Kreislauf der Wiedergeburt und Erneuerung ermöglicht.

Diese Bestattungsart ist vor allem auch durch die jeweiligen geologischen und klimatischen Gegebenheiten begründet: Weder felsige Untergründe noch die gefrorenen Böden der Steppe erfüllen die Voraussetzungen für Erdbestattungen. Für das Verbrennen eines Leichnams hingegen fehlt in kargen und armen Gebirgsgegenden schlicht und ergreifend das Brennholz.

Die nähere Betrachtung der Himmelsbestattung macht zwei Dinge deutlich: Den jeweiligen kulturellen Prägungen der Menschen in Zentralasien liegen unterschiedliche, teils gegensätzliche Vorstellungen von Körper & Geist, von Glaube & Spiritualität zugrunde. Außerdem sind die jeweiligen Bestattungsmöglichkeiten immer auch wesentlich durch die örtlichen Umstände beeinflusst. Wenn wir also diese außergewöhnliche Bestattungsart betrachten – dann sollten wir berücksichtigen, dass derartige Brauchtümer immer vor dem Hintergrund eines kulturellen Gesamtkonzepts zu sehen und auch zu bewerten sind.

Stephanie Tamm

Foto: Pexels

Quellen:

https://www.namtso.de/tibet-infos/brauchtum.html

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